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Immer wieder krank bei besten Laborwerten oder schwarze Löcher in der Mikronährstoffanalyse

 

Die Patientin ist Mitte 50, hatte vor 9 Monaten eine Corona-Infektion, die glimpflich ablief und ist seither chronisch erschöpft, schätzt ihre Leistungsfähigkeit auf 50-60% ein, die körperliche Belastbarkeit ist deutlich reduziert, sie schläft schlecht, ist antriebslos, die Stimmung gedrückt, ein Infekt jagt den anderen. Als Lehrerin hat sie hohe berufliche Anforderungen zu erfüllen, denen sie im Augenblick mehr schlecht als recht nachkommt. Auf ihre Bitte hin wurde eine Blutuntersuchung veranlasst. Die Blutwerte für Leber, Niere, Schilddrüse, Blutsalze, Entzündungszeichen, Blutzucker sind allesamt unauffällig und aus schulmedizinischer Sicht ist alles in bester Ordnung ist, eigentlich müsste ich sie beruhigen, ermuntern, mehr Sport zu machen, gesund zu essen und irgendwann wird sich schon eine Besserung einstellen. Nur- so einfach ist die Lösung des Problems nicht. 

Bevor in der Untersuchung der Laborwerte, die die Körperfunktionen abbilden, pathologische Befunde auffallen, müssen schon viele biochemische Prozesse im Körper über lange Zeit suboptimal abgelaufen sein. Tatsächlich können heute neben den üblichen schulmedizinischen Laborwerten nicht nur Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Amino- und Fettsäuren bestimmt werden, sondern es ist z. B eine sehr feine laborchemische Analyse bis in den mitochondrialen Stoffwechsel hinein möglich, die Aussagen darüber gibt, ob unsere Zellkraftwerke für unseren Körper genügend Energie gewinnen können, um leistungsfähig zu sein und das Tagwerk bewältigen zu können.

Wie kommt es dazu, dass die herkömmlichen Laborwerte bestens sind- und wir müde, erschöpft und nicht mehr in der Lage, unseren Lebensaufgaben nachzukommen?

Häufig sind wir nicht mehr eingebunden in natürliche Lebensabläufe, die Lebensrhythmen haben sich verändert, wir arbeiten zuviel, sitzen zuviel, essen zuviel und ungesund, bewegen uns zu wenig, schlafen schlecht und zu wenig, sind zu wenig an der frischen Luft, soziale Bedürfnisse werden oft über digitale Medien und nicht mehr analog gestillt, die Stressbelastung hat exponentiell zugenommen, eine massive Umweltbelastung macht unseren Organismen enorm zu schaffen, die Entgiftungsfunktionen unseres Körpers sind überstrapaziert, die Böden sind an Nährstoffen verarmt - die Anforderungen an den Gesamtorganismus sind komplexer geworden. Hieraus resultieren oft Mangelsituationen, die definiert und ausgeglichen gehören, um den gesamten Organismus zu unterstützen und die Stoffwechselabläufe wieder in Richtung Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu dirigieren.

Wie geht man weiter vor? Man kann bei jedem Patienten einfach ein fixes Profil an Mikronährstoffen bestimmen, was aber nicht sinnvoll ist. Mit einer genauen Anamneseerhebung (Lebensstilfaktoren, Ernährung, Lebensumstände)hat man schon sehr oft ein Indiz, wohin die Reise geht, kann die Blutentnahme reduzieren, die erforderlichen Werte spezifizieren und den Geldbeutel des Patienten dadurch schonen. Diese Art von verfeinerten Laboruntersuchungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen und die Patienten müssen dafür selber aufkommen, eine kostenspielige Angelegenheit. Kuriere bringen die Blutproben direkt in Speziallabors, um bestmöglichste Ergebnisse zu garantieren und Zeitverzögerungen, die zur Verfälschung der Laborproben führen würden, zu vermeiden.

Unsere Patientin berichtete, sich ausgewogen mit Mischkost zu ernähren. Bei genauerer Befragung wurden Kuhmilchprodukte wegen schlechter Verträglichkeit verneint, Milchprodukte aus Schaf und Ziege selten konsumiert, 1 bis 2 Eier/Woche komplettierten das Frühstück am Wochenende, Fleisch und Fisch kamen ca 1x alle 1-2 Wochen auf den Tisch, Hülsenfrüchte ca. 1x/Woche, Vollkornprodukte verursachen Blähungen und wurden vom Speisezettel gestrichen. Nüsse und Saaten fehlten weitestgehend. Gemüse und Obst gibt es täglich je eine Portion, Salat gelegentlich.  Als Soulfood wurden täglich Süssigkeiten konsumiert. Aufgrund einer leichten depressiven Verstimmung wird ein Antidepressivum eingenommen. Sport wird im Augenblick aufgrund der schlechten körperlichen Verfassung nicht betrieben.

Die Ernährungsweise ist aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht ausgewogen. Es fehlen tierische und/oder pflanzliche Eiweisse (unser Immunsystem besteht komplett und ausschliesslich aus Eiweiss!), B-Vitamine v.a.aus tierischen Nahrungsmitteln, dito Zink und Selen, die zwar auch in Vollkornprodukten und Saaten vorkommen, die aber nicht ausreichend konsumiert werden. Nach Coronaerkrankungen sehen wir oft ein Ungleichgewicht in den Antioxidantien und ihrer Gegenspieler, den Oxidantien, mit einer erhöhten freien Radikalenbildung und der Entstehung von oxidativem Stress, der ebenfalls durchbestimmte Laborparameter nachgewiesen werden kann. Fehlende Antioxidantien sind z. B oft Vitamin C, Vitamin E, Selen, Zink, Beta-Carotin, eine Vorstufe des Vitamin A und Gluthation. Omega-3-Fettsäuren müssen durch marine Fettsäuren substituiert werden, andernfalls ist hier mit Sicherheit ein Mangel zu erwarten (s.auch Blogbeitrag Omega-3-FS, die Superstars am orthomolekularem Sternenhimmel). Die Medikamentenanamnese ist äusserst wichtig, da viele Medikamente deutlich weniger Nebenwirkungen machen, wenn man sie mit bestimmten Mikronährstoffen als Begleitschutz zusammen empfiehlt und viele Medikamente die Spiegel unterschiedlicher Nährstoffe senken. So können z.B. Fettsenker aus der Reihe der Statine den Coenzym Q10 Spiegel durch Synthesehemmung im Blut senken und gleichzeitig kann die begleitende Gabe von Q 10 zu einem Fettsenker die Nebenwirkungsrate der Statine (z.B. Muskelschmerzen) senken. Die langfristige Einnahme eines Säure- blockers wie die Protonenpumpenhemmer Omeprazol oder Pantoprazol kann die Aufnahme von B 12 reduzieren. 

Wie es weiterging... 

Der Patientin wurde eine dezidierte Mikronährstoffanalyse empfohlen, es zeigten sich richtiggehend schwarze Löcher in den B-Vitminen, bei Selen, Zink, Magnesium, Vitamin D. Der Omega 3 Index war deutlich erniedrigt und wies eine ungünstige und entzündungsfördernde Fettsäureverteilung auf. Das Aminogramm liess auf eine Eiweissunterversorgung schliessen. Die Mitochondrien waren müde und stellten nur ungenügend Energie her. Die Befunde wurden eingehend besprochen und ein Therapieregime aufgestellt. Hier muss man zunächst an die Mitarbeit der Patienten appellieren. Viele sind es nicht gewohnt, täglich mehrfach mehrere Mikronährstoffe oder Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Die Patientin ging pragmatisch vor, besorgte sich eine Medikamentenbox, in der man sich für eine ganzen Woche morgens, mittags und abends die Medikamente richten kann und kam damit bestens zurecht. Bei deutlich reduziertem Allgemeinzustand, der bereits zu mehreren Arbeitunfähigkeitsbescheinigungen geführt hatte,  begannen wir mit einer Serie von Infusionen, in denen wir einen Teil der fehlenden Mikronährstoffe mit einer hundertprozentigen Bioverfügbarkeit für den Körper zur Verfügung stellen können. Eine Ernährungsberatung komplettierte die Behandlung. In Kombination  aller Maßnahmen konnte eine rasche Zustandsverbesserung erreicht werden. Prinzipiell gehen wir so vor, dass nach 3-4 Monaten eine Laborkontrolle der auffälligen Parameter erfolgt. So können wir-neben dem klinischen Erfolg- genau herausfinden, ob die Nährstoffe resorbiert wurden und wo es noch zu ergänzen gilt. Sämtliche Nahrungsergänzungsmittel werden bis zum Vortag der Untersuchung eingenommen. Wir möchten ja wissen, wie  hoch oder niedrig die Spiegel unter laufender Substitution sind und was noch ergänzt werden soll.

Fazit

Besteht eine gute körperliche Belastungsfähigkeit, ist die Psyche stabil, stimmt die Ernährung,  dann bedarf es keiner weiterführenden Analysen. Dann ist ein Lebensstil gefunden worden, der individuell zugeschnitten hervorragend passt und auf eine gute gesundheitliche Konstitution schließen lässt. Hier reichen die von den Krankenkassen anberaumten Vorsorgeuntersuchungen zur Gesundheitsvorsorge aus, die aber regelmäßig wahrgenommen werden sollen. Bei Befindlichkeitsstörungen unklaren Ursprungs oder bei länger anhaltenden Erschöpfungszuständen zum Beispiel nach Infektionen oder bei hoher Stressexposition ist eine Mikronährstoffanalyse aber ein sinnvolles Tool, um mögliche Nährstoffmängel aufzudecken, die es aufzufüllen lohnt, um den Organismus zu unterstützen, wieder gesund zu werden.

 

© Dr. Nicole Lion-Mock